Oh S-Bahn, wie bist Du so nutzlos...
November 15th, 2010Wenn man vom Alexanderplatz aus zu einer bestimmten Zeit am Flughafen Berlin-Schönefeld sein möchte, wieviel früher muß man losfahren, um pünktlich anzukommen? Zwanzig Minuten vorher? Eine halbe Stunde? Eine Stunde? Noch früher? Stimmt alles nicht - jedenfalls nicht, wenn man es sich in den Kopf gesetzt hat, mit der Deutschen Bahn bzw. der Berliner S-Bahn zu fahren. Dann nämlich ist es fast egal, wann man startet - vereint schaffen sie es auf jeden Fall, einen zu spät kommen zu lassen.
Das durfte ich jedenfalls vergangenen Freitag im wahrsten Sinne des Wortes erfahren. Ich hatte vor, mich nach der Arbeit zu besagtem Flughafen zu begeben, um kurz vor 21 Uhr eine sehr gute Freundin, die über's Wochenende zu Besuch kam, von dort abzuholen. Da ich die Strecke doch relativ selten fahren muß, bemühte ich am späten Nachmittag noch die Fahrplanauskunft im Internet und wurde informiert, daß ich am Alexanderplatz entweder um 20:14 Uhr eine Regionalbahn, den sogenannten Airport-Expreß, benutzen könnte oder aber eine halbe Stunde früher eine S-Bahn. In beiden Fällen würde ich kurz nach halb neun am Flughafen eintreffen. Genug Zeit also, um zum richtigen Gate zu kommen und meinen Besuch pünktlich in Empfang zu nehmen...
Doch da hatte ich die Rechnung ohne die Deutsche Bahn gemacht. Alles sollte völlig anders kommen.
Um kurz nach sieben traf ich am Alexanderplatz ein. Na gut, dachte ich mir, da habe ich auf jeden Fall noch genug Zeit, um in Ruhe einen Kaffee zu trinken. Eine knappe halbe Stunde später war der ausgetrunken und ich entschied, nun nicht mehr länger hier herumzusitzen und auf die Regionalbahn zu warten - ich würde die S-Bahn nehmen. Ich hatte ja noch über eine Stunde Zeit, bis das Flugzeug landen sollte. Schnell noch einen Fahrschein für 2.80 € gekauft - Schönefeld liegt ja schon im Tarifgebiet C - und eingestiegen.
Da wegen der für eine gefühlte Ewigkeit geplanten Bauarbeiten am Ostkreuz keine einzige S-Bahn mehr vom Zentrum direkt nach Schönefeld fährt, würde ich in Ostkreuz umsteigen müssen. Na gut, das nahm ich in Kauf. Flott ging es vorwärts und um kurz vor acht war ich dann auch pünktlich an meinem Umsteigebahnhof. Wenige Minuten später sollte auf dem Ringbahnsteig meine Bahn nach Schönefeld abfahren. Also Treppe rauf und - das erste Mal verwundert gucken.
Der Anzeiger verkündete die Ankunft einer Ringbahn - in acht Minuten. Drei Minuten danach sollte eine Bahn nach Charlottenburg fahren. Sonst stand da nichts. Wo war meine Schönefeld-Bahn? Ein Blick in den Schaukasten mit den Fahrplaninformationen brachte auch kein Licht ins Dunkel auf dem Bahnsteig. Dort stand nur, daß in drei Minuten meine Bahn kommen sollte.
Schön, dann würde ich eben warten. Vielleicht stimmte ja was mit dem Anzeiger nicht. Zwei Minuten gingen ins Land. Dann drei, vier, fünf. Wer nicht kam, war meine Bahn. Sechs, sieben, acht - die Ringbahn war da. Und - oh Wunder - plötzlich eine Laufschrift im Anzeiger: "Die S-Bahn nach Flughafen Berlin-Schönefeld fährt ab Treptower Park". Sonst nichts. Kein Grund. Auch keine ergänzende Durchsage. Einfach gar nichts. Hm. Na gut. Also schnell einsteigen und eine Station vorfahren.
Keine zwei Minuten später traf ich am Treptower Park ein. Wer nicht da war, war die Schönefelder Bahn. Am gegenüberliegenden Gleis meines Bahnsteigs stand lediglich, daß dort kein Zug verkehre. Wie schön. Muß ich noch erwähnen, daß es keine Durchsagen gab? Vielleicht steht das S in S-Bahn ja für Schweigen? Oder Stille? Ich blickte mich etwas ratlos um und versuchte, die Anzeiger auf dem anderen Bahnsteig zu erkennen, von dem die Züge in die Gegenrichtung fuhren. Ein paar Schritte den Bahnsteig entlang brachten mich in eine Entfernung zu ihnen, in der es mir gelang, sie zu erkennen. Und - oh Wunder - einer kündigte eine Bahn zum Flughafen Berlin-Schönefeld an. Nun aber nichts wie rüber. Treppe runter, durch den Tunnel, Treppe rauf - und fassungslos auf den Anzeiger starren. Das konnte doch nicht wahr sein! Fröhlich zeigte er an: Zeit bis zur Abfahrt - 18 Minuten!!!
Schnell rechnete ich nach. Mittlerweile war es knapp zehn nach acht. Ich würde hier erst wegkommen, wenn ich praktisch schon hatte am Ziel sein wollen. Großartig! Danke, liebe S-Bahn. Du verlegst die Abfahrt eines Zuges einfach zu einem anderen Bahnhof, hältst es dann aber nicht für nötig, dort auch auf die Fahrgäste zu warten, die mit anderen Zügen erstmal dahin kommen müssen. Davon, ob ein Takt von zwanzig Minuten für eine Zubringerlinie zu einem Flughafen einer Großstadt wie Berlin angemessen ist, will ich mal gar nicht erst reden...
Was nun? Ob ich die Regionalbahn noch kriegen könnte? 20:14 Uhr sollte sie am Alexanderplatz abfahren. Ich rechnete, daß sie dann wohl etwa 20:18 den Ostbahnhof verlassen würde. Also in acht Minuten. Nicht gerade viel Zeit. Aber versuchen mußte ich es. Also schnell in die nächste Bahn zurück zum Ostkreuz, die glücklicherweise auch gerade einfuhr. Auf dem richtigen Bahnsteig war ich ja schließlich schon.
Doch mit Glück hat S-Bahn-Fahren in Berlin nun wirklich gar nichts zu tun. Es begann damit, daß die Bahn, in der ich mich nun befand, kurz vor Erreichen des Bahnhofs Ostkreuz die Fahrt plötzlich verlangsamte und auf freier Strecke hielt. Zwei oder drei Minuten zogen vorbei - gefühlt waren es mindestens zehn! - dann ging es weiter. Vielleicht hatte der Fahrer seiner Bahn erst gut zureden müssen, bevor sie sich auf die Brücke traute...
Kaum hatte die Bahn den Bahnsteig erreicht, war ich auch schon draußen und auf dem Weg zum unteren Bahnsteig. Natürlich fuhr die Bahn dort ab, als ich sie gerade eben fast erreicht hatte. Immerhin dauerte es nur wenige Minuten, dann war die nächste da. Ich hatte mittlerweile aber nur noch rund zwei Minuten Zeit, bis der Zug am Ostbahnhof abfuhr. Das war praktisch nicht mehr zu machen.
Trotzdem fuhr ich mit - vielleicht kam der Zug ja ein paar Minuten später? Als ich den Ostbahnhof erreicht hatte und schließlich auch am richtigen Bahnsteig für meine Regionalbahnlinie angekommen war, stellte ich fest, daß dem tatsächlich so war. War nun alles gut? Natürlich nicht - immerhin hatte ich es mit der Deutschen Bahn zu tun! Der Zug hatte nicht nur ein paar, sondern "voraussichtlich zwanzig Minuten Verspätung"! Ich brauchte nicht mehr nachzurechnen, um zu wissen, daß ich dann wohl erst in Schönefeld ankommen würde, wenn das Flugzeug schon gelandet war.
Ich war nun schon 35 Minuten unterwegs und hatte es ganze zwei Stationen weit gebracht - vom Alexanderplatz bis zum Ostbahnhof. Eigentlich hätte mir in der S-Bahn zum Ostbahnhof nur noch ein Kontrolleur gefehlt, der mir eine Strafzahlung aufbrummte, weil ich mit einem am Alexanderplatz abgestempelten Fahrschein in Richtung Alexanderplatz unterwegs war. Das hätte meinen Tag perfekt gemacht. Wütend genug war ich aber auch so schon.
Jetzt gab es nur noch eine einzige Möglichkeit, pünktlich zur Ankunft des Flugzeugs am Flughafen zu sein - und die nahm ich nun in Angriff. Ich stapfte also durch den Bahnhof auf den Vorplatz hinaus und stürmte zum Taxistand. Zum ersten Auto hin, Tür auf, einsteigen - das war praktisch eins. "Wo soll's denn hingehen?" fragte mich der Fahrer. "Zum Flughafen Schönefeld!" antwortete ich. Entgeistert starrte er mich an: "Nee, ne?" - "Doch", sagte ich. "Mit der Bahn kommt man da ja nicht hin!"
Jetzt ging nichts mehr schief. Die Fahrt ging flott vonstatten, und um 20:50 Uhr waren wir am Flughafen und ich um 31 € für eine Taxifahrt ärmer. Aber wir waren beide zufrieden - ich, weil ich nun gerade noch so pünktlich da war, und der Fahrer, weil seine Nachtschicht so lukrativ begonnen hatte. Als ich schließlich drei Minuten später das richtige Gate erreicht und mich gerade hingesetzt hatte, um zu warten, kamen auch schon die ersten Passagiere durch die Tür - das Flugzeug war früher als geplant gelandet...
Und so brachte ich gerade mal fünf Minuten auf dem Flughafen zu, da konnte ich ihn zusammen mit meiner guten Freundin auch schon wieder verlassen. So war doch noch alles gut gegangen. Muß ich noch erwähnen, daß der Regionalzug, auf den wir, um nicht zweimal umsteigen zu müssen, sondern direkt zum Alexanderplatz fahren zu können, warteten, mehrere Minuten Verspätung hatte?
Ich bin jedenfalls momentan mehr als froh, daß ich im Alltag so gut wie gar nicht auf die S-Bahn angewiesen bin, sondern mit den Verkehrsmitteln der Berliner Verkehrsbetriebe alle meine Ziele erreichen kann. Denn wenn ich jetzt so über diesen Abend nachdenke, will es mir scheinen, daß die aktuelle Aktion der S-Bahn, an den November- und Dezemberwochenenden Einzelfahrscheine den ganzen Tag gelten zu lassen, in Wirklichkeit gar keine Entschuldigungsaktion für das Chaos der letzten eineinhalb oder zwei Jahre ist. In Wahrheit ist diese Aktion dringend nötig. Denn in den zwei Stunden, die ein Einzelfahrschein ja normalerweise gültig ist, würde man mit S- und Regionalbahn ja niemals an sein Ziel kommen...
Kulturlos
September 28th, 2010Donnerstag. 18 Uhr. Arbeitsschluß. Was fängt man mit dem Abend an? Gute Frage... Wie wäre es mit einem Museumsbesuch?
Ungewöhnliche Idee? Nicht unbedingt, und schon gar nicht in Berlin. Denn da haben die Staatlichen Museen zu Berlin eine schöne Einrichtung: Jeden Donnerstag ist der Eintritt in den letzten vier Stunden der Öffnungszeit, also zwischen 18 und 22 Uhr, frei. Für manchen Berliner mit knappem Geldbeutel eine gute und gern genutzte Gelegenheit, ein wenig Kultur zu tanken.
Nun, dieses Szenario gibt es noch genau einmal - dann gehört es der Vergangenheit an. Die Staatlichen Museen zu Berlin haben ihre Ankündigung vom Sommer wahr gemacht und beenden dieses schöne Angebot zum 30. September diesen Jahres. Begründete man es anfangs noch damit, daß mittlerweile immer mehr Touristen dieses Angebot nutzen würden (Neues Deutschland vom 9. Juli 2010), so ist einem Beitrag der heutigen Abendschau des RBB zufolge Geldknappheit der Grund.
Sehr glaubhaft. Wirklich. Erst sind die bösen Touristen schuld, die sich erdreisten, einfach einen kostenfreien Museumszugang zu nutzen, der doch eigentlich den Berlinern zugedacht ist. Letzteres war selbst mir als Berliner neu. Und die Touristen konnten das ja eigentlich erst recht nicht wissen, denn schließlich besuchten sie ja die Staatlichen Museen, nicht die Städtischen. Und was mich auch interessieren würde: Wie haben die das eigentlich festgestellt? Wurde von jedem Besucher vielleicht Einsicht in den Ausweis verlangt?
Als das offenbar auch keiner so recht glaubt, sind nun plötzlich die Mittel knapp. Man kann das nicht mehr finanzieren, heißt es. Nun ja, das könnte vielleicht sogar stimmen. Immerhin bekommen ja die Museen auch Mittel vom Bund und vom Land. Sagte jedenfalls der Direktor der Staatlichen Museen in erwähntem Beitrag. Und daß die kein Geld mehr dafür übrig haben, ist ja klar. Jetzt jedenfalls nicht mehr. Das wurde ja anderswo gebraucht, und natürlich viel dringender als für so'n bißchen Kultur. Für Hoteliers zum Beispiel. Und für notleidende Banken.
Es soll dem Beitrag zufolge übrigens Städte geben, in denen Museen für die Einwohner sogar immer kostenlos zu besichtigen sind. Berlin zählt jedenfalls nicht mehr dazu. Nicht mal zeitweise...
Geschichte wiederholt sich
September 12th, 2010Eine einfache Feststellung. Beifällig nicken wir dazu.
Kürzlich stieß ich auf der Website von Reinhard Mey auf folgendes Gedicht:
Das Trauerspiel von Afghanistan
Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
"Wer da!" - "Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan."
Afghanistan! Er sprach es so matt;
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Kommandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.
Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,
Er atmet hoch auf und dankt und spricht:
"Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Kabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verraten sind.
Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt."
Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offiziere, Soldaten folgten ihm all',
Sir Robert sprach: "Der Schnee fällt dicht,
Die uns suchen, sie können uns finden nicht.
Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,
So lasst sie's hören, dass wir da,
Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus,
Trompeter blast in die Nacht hinaus!"
Da huben sie an und sie wurden's nicht müd',
Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,
Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,
Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.
Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen - es kam die zweite Nacht,
Umsonst, dass ihr ruft, umsonst, dass ihr wacht.
"Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan."
(Theodor Fontane, 1859)
Wir sehen: es stimmt. Geschichte wiederholt sich.
Bedenkt man es aber genau, bedeutet dieser einfache Satz nichts anderes, als daß die Menschheit aus ihrer Geschichte nichts lernt.
Und wie nennt man jemanden, der aus seinen Fehlern nichts lernt und sie immer wieder begeht? Man nennt ihn Dummkopf.
Cola & Kaubonbons
Juli 21st, 2010Rekorde, die im Guiness-Buch verzeichnet werden, sind ja meist relativ sinnfrei. Star-Trek-Conventions versuchen, die meisten Fans in Originalkostümen zusammenzubekommen (diesen Rekord hält übrigens derzeit die FedCon), Männer versuchen sich darin, innerhalb einer Minute die meisten BHs aufzubekommen (ein solcher Rekordversuch lief tatsächlich vor einiger Zeit im deutschen Fernsehen), ...
Und andere versuchen mit viel logistischem Aufwand, einen Rekord darin aufzustellen, die meisten Cola-Fontänen zeitgleich in die Luft steigen zu lassen. Ein Beitrag über dieses von EepyBird in Szene gesetzte "Großereignis" kam mir gerade bei Galileo vor die Augen.
2400 Fontänen sollten es sein. Dafür wurden mehr als 2400 Cola-Flaschen beschafft (ein paar braucht man ja als Reserve, falls was schiefgeht). 14400 Kaubonbons wollten besorgt werden (auch hier waren's sicher noch ein paar mehr). Einen Spezialverschluß mußte man konstruieren, der auf die Flaschen gesetzt werden konnte und der dazu dienen sollte, je Flasche sechs Kaubonbons zu bunkern, bis ein Metallstift, der die Bonbons im Verschluß festhält, gezogen wird und die Bonbons in die Flasche purzeln, was wiederum die Fontäne auslöst, weil das in der Cola gelöste Kohlendioxid sich in Sekundenbruchteilen an der rauhen Oberfläche der Bonbons absetzt und Blasen bildet, die rasch nach oben steigen, sich dabei vergrößern und die Flüssigkeit mitnehmen. So langwierig wie dieser Satz kam mir der ganze Fernsehbeitrag vor... Die Flaschen mußten dann in mehreren Batterien aufgestellt werden. Je Batterie hatte man eine Vorrichtung zu bauen, über die man die Stifte aller Verschlüsse gleichzeitig ziehen konnte. Dann mußte eine große Anzahl Schüler rekrutiert werden, die den Aufbau all der Flaschenbatterien übernahmen und die Aktion durchführten. Und zu guter Letzt brauchte man dafür auch noch ein kleines Stadion, in dem man diesen Zirkus aufführen konnte.
So viel Energie, soviel Erfindungsgeist, soviel Mühe, soviel Aufwand, soviel Engagement und nicht zuletzt sicher auch soviel Geld. Was hätte man alles Nützliches und Bleibendes damit erreichen können... So war's leider nur "Fun", der morgen schon vergessen sein wird. Für den Eintrag im Buch der sinnlosen Rekorde hat's immerhin gereicht...
Gestern im Outdoor-Laden...
Juli 11th, 2010Ich stehe vor dem Hosenregal im "Camp4" nahe dem Berliner Alexanderplatz. Bald geht mein Urlaub los und ich brauche noch eine von diesen langen Hosen, die sich so wunderbar in kurze verwandeln lassen. "Abzippbare Hosenbeine", so lerne ich, heißt das auf neudeutsch. Oder auch "Zip Off Pants".
Interessant dabei ist in diesem besonderen Fall, daß man das hier offenbar in völlig neuem Sinn deutet. Klar, die Hosen haben an den Hosenbeinen Reißverschlüsse, damit man den unteren Teil abnehmen kann. Das ist ja selbstverständlich. Als ich mir aber eine Hose in meiner Größe anhalte, enden die Hosenbeine nicht etwa an den Füßen - nein, sie gehen noch ein ganzes Stück weiter. Und liegen so natürlich auf dem Boden...
Na gut, hab ich mich in der Größe geirrt. Ich schaue auf das Schild. Nein, die Größe stimmt. Ich ziehe die Hose nach oben. Jetzt stimmt die Sache - zumindest an den Füßen. Dafür habe ich den Hosenbund jetzt so knapp unter den Achseln. Hm, eine Anprobe ist da wohl nicht mehr nötig...
Ich suche eine Verkäuferin und als ich sie gefunden habe, frage ich sie, was mit den Hosen los ist. Verwendet der Hersteller ein anderes Größensystem? Kann sie mir das eventuell erklären, damit ich eine Hose in meiner Größe finde?
Nein, nein, klärt sie mich freundlich auf. Das habe schon alles seine Richtigkeit. Die Größen seien, wie man sie kennt. Allerdings bezögen sie sich nur auf den Bauchumfang. Die Länge sei bei allen Größen einheitlich. Und zwar so, daß diese Hosen auch sehr große Leute tragen könnten. Und die fänden das richtig Klasse! Sie könnten jetzt endlich auch einmal Hosen finden, die ihnen passen. Und die anderen könnten die Hosenbeine ja einfach unten abschneiden und umnähen.
Aha. Abschneiden und umnähen. Soso. Nicht, daß ich da prinzipiell was dagegen hätte. Ich frage mich in diesem Augenblick eigentlich nur, wieviele Leute es wohl gibt, denen diese Hosen auf Anhieb passen. Soviele Zwei-Meter-Menschen sieht man jetzt auf den Straßen auch nicht herumlaufen. Oder anders gesagt: Fast alle, die eine solche Hose kaufen, müssen an ihr noch nacharbeiten, denn umschlagen ist da eher keine Option, wenn die Hosenbeine gute zwanzig Zentimeter zu lang sind.
Kurz erwäge ich, dies in Kauf zu nehmen. Aber nur ganz kurz. Wenige Sekunden quasi. Bis ich nämlich das Preisschild der Hose in Augenschein nehme. Stolze 120 Euro soll sie kosten. 120 Euro, für die ich sie dann noch umarbeiten darf. Wieviele Leute, die nicht über zwei Meter groß sind, wohl solch eine Hose hier kaufen?
Ich zähle jedenfalls nicht dazu, denn ich habe die Hose zurückgelegt und den Laden ohne sie verlassen...